Praxis

Katastrophenschutz üben: Was nur im Ernstfall benutzt wird, funktioniert dort nicht

Selten genutzte Verfahren versagen genau dann, wenn sie gebraucht werden. Warum der normale Sanitätsdienst das beste Trainingsfeld für die große Lage ist.

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Drei ansteigende Stufen für Übung, Dienst und Großlage, verbunden durch eine durchgehende Linie

Wer Katastrophenschutz üben will, denkt zuerst an die große Vollübung mit Verletztendarstellern, Pressetermin und Auswertung. Solche Übungen sind wertvoll. Sie finden aber selten statt, und was nur selten gebraucht wird, sitzt im Ernstfall nicht. Das gilt für Vordrucke und Meldewege ebenso wie für Software.

Das eigentliche Trainingsfeld liegt deshalb woanders: im Stadtfest, im Radrennen, im Sanitätswachdienst am Wochenende.

Was selten angewendet wird, geht verloren

Die Forschung zum Fertigkeitsverlust ist hier ziemlich eindeutig. Die oft zitierte Übersichtsarbeit von Winfred Arthur und anderen aus dem Jahr 1998 fasst zusammen, was viele Studien gemessen haben: Der Verlust wächst mit der Zeit, in der eine Fähigkeit nicht angewendet wird. Nach mehr als einem Jahr ist er erheblich. Kognitive Aufgaben sind stärker betroffen als körperliche, und das Gelernte hält besser, wenn Training und spätere Anwendung einander ähneln.

Führungsarbeit ist überwiegend kognitive Arbeit. Lage aufnehmen, Meldungen einordnen, Kräfte zuweisen und alles dokumentieren, während das Telefon läuft: Das lernt niemand auf Vorrat. Es muss regelmäßig gebraucht werden, unter Bedingungen, die dem Einsatz möglichst nahekommen.

Proben machen Fehler sichtbar

Ein bekanntes Beispiel aus dem Bevölkerungsschutz ist der erste bundesweite Warntag im September 2020. Die Meldung über das Modulare Warnsystem kam verspätet an. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nannte den Grund damals offen: eine „nicht vorgesehene zeitgleiche Auslösung einer Vielzahl von Warnmeldungen“. Abgesprochen war eine Auslösung allein durch den Bund.

Ein solches Problem findet man nur, wenn man das Verfahren wirklich auslöst. Inzwischen ist der Warntag fester Bestandteil des Jahres und lässt sich vergleichen. In der BBK-Umfrage zum Warntag 2025 gaben 97 Prozent an, mindestens eine Probewarnung erhalten zu haben, über Warn-Apps 67 Prozent und über Sirenen 65 Prozent, gegenüber je 59 Prozent im Vorjahr. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, und ein Nachweis, dass allein die Wiederholung den Unterschied macht, ist sie auch nicht. Sie zeigt aber den Wert regelmäßiger Proben: Man sieht überhaupt erst, wo man steht.

Die Enquete-Kommission des Landtags Rheinland-Pfalz zur Flutkatastrophe 2021 empfiehlt regelmäßige Warntage über alle staatlichen Ebenen und schreibt, Fehler bei Übungen sollten „als hilfreich und weiterführend kommuniziert und betrachtet werden“. Das ist auch eine gute Haltung für die Auswertung im eigenen Ortsverband.

Der normale Dienst als Trainingsfeld

Ein Sanitätsdienst auf einer Veranstaltung hat alles, was Führung im Einsatz ausmacht: eine Lage, die sich ändert, begrenzte Kräfte, Meldungen, die eingeordnet werden müssen, und eine Dokumentation, die am Ende stimmen muss. Dazu kommt ein großer Vorteil gegenüber der Großlage: Es bleibt Zeit, etwas auszuprobieren und danach darüber zu sprechen.

Vom Übungsabend über den Sanitätsdienst bis zur Großlage: Verfahren, Rollen und Werkzeuge bleiben gleich, nur die Größe der Lage ändert sich

Daraus lassen sich vier praktische Folgen ableiten:

  1. Sonderverfahren streichen, wo es geht. Jeder Ablauf, der nur für den großen Fall existiert, ist ein Kandidat für den Vergessensverlust. Besser ist ein Verfahren, das im Kleinen genauso funktioniert und in der großen Lage nur breiter aufgestellt wird.
  2. Großlagen-Elemente im kleinen Dienst mitlaufen lassen. Ein Einsatzabschnitt auf dem Stadtfest ist organisatorisch vielleicht nicht zwingend. Als Übung für den Tag, an dem er nötig wird, kostet er wenig.
  3. Rollen tauschen. Wenn immer dieselbe Person die Einsatzleitung übernimmt, übt auch nur diese Person. Ein ruhiger Dienst ist der richtige Moment, jemand anderen führen zu lassen und die erfahrene Kraft daneben zu setzen.
  4. Die Rückfallebene mitüben. Auch Papier verlernt man. Eine halbe Stunde Dienst nur mit Vordrucken und Funk zeigt schnell, ob alle wissen, wo die Unterlagen liegen und wie sie ausgefüllt werden.

Eine Grenze hat dieser Ansatz. Ein ruhiger Wachdienst zeigt nicht, wie sich eine Lage mit vielen Verletzten anfühlt, und ersetzt auch keine Übung mit anderen Organisationen. Er sorgt dafür, dass die Grundlagen dann nicht mehr das Problem sind.

Was das für die Auswahl von Software bedeutet

Wer eine Software nur für den Katastrophenfall einführt, baut genau das Problem ein, um das es hier geht. Die Frage an jeden Anbieter lautet deshalb: Lässt sich das System auch beim kleinen Dienst sinnvoll nutzen, ohne dass der Aufwand den Nutzen auffrisst?

Bei leitstelle.live haben wir das so gelöst, dass kleiner Wachdienst und große Lage in derselben Leitstelle laufen. Die Bedienung bleibt gleich, der Einsatz wird nur im Umfang größer. Wiederkehrende Dienste lassen sich als Einsatzvorlage anlegen, ab dem Paket Professional kommen Einsatzabschnitte und der Gruppenalarm hinzu, der sich als Übung kennzeichnen lässt. In der Beta stehen außerdem zwei simulierte Szenarien bereit, ein Radrennen und eine größere Lage auf einem Stadtfest, in denen simulierte Kräfte auf die Disposition reagieren.

Statusübersicht eines Sanitätswachdienstes: Alle Einheiten stehen in Spalten nach FMS-Status von Notfall bis Quittung

Der Test ist am Ende aber schlicht: Öffnen Sie im nächsten ruhigen Dienst die Unterlagen für den großen Fall, egal ob Software oder Ordner, und lassen Sie jemanden damit arbeiten, der sie seit einem halben Jahr nicht in der Hand hatte. Was dann schiefgeht, ist Ihre Liste für den nächsten Übungsabend.

Quellen